Karlín (deutsch Karolinenthal) ist ein Stadtviertel in der tschechischen Hauptstadt Prag, begrenzt durch die Moldau, das Stadtviertel Florenc, den Berg Vítkov und Palmovka. 1922 wurde die Stadt Karlín nach Prag eingemeindet.
Karte des Karolinenthaler Bezirkes im Prager Kreise zusammengestellt nach den neuesten und verlässlichsten Ouellen (sic!) und herausgegeben zur Gründung von Gemeindebibliotheken in den sämmtlichen Bezirken prager Kreises. 1850?
Karolinenthal entstand als erste planmäßig angelegte Prager Vorstadt mit geometrischem Grundriss. Vorher befand sich hier ein Naturgebiet mit Obst- und Gemüsegärten und dem berühmten, im Auftrag des Prager Buchdruckers Johann Ferdinand von Schönfeld erbauten Lustschloss Rosental (Růžodol), in dem bereits im 18. Jahrhundert tschechisches Theater gespielt wurde.
Der erste Fabrikbesitzer in Karlín war der Kaufmann Aaron Beer Joss, der hier ab 1791 herstellen ließ. Er verkaufte den Betrieb später an Leopold Jerusalem.[1] Innerhalb der Empire-Bebauung, die noch zum Teil erhalten ist, wurden vom österreichischen Architekten Alois Negrelli (seit 1850) Ritter von Moldelbe (1799–1858) der Viadukt (A) der ersten Prager Eisenbahn, das erste Gaswerk, das die Beleuchtung für ganz Prag sicherte, sowie mehrere Manufakturen und Fabriken errichtet.
Im Juli 1844 kam es zu einem Arbeitskampf der Bauarbeiter am Viadukt, die die Forderung nach einer Lohnerhöhung stellten, und gegen die die Behörden die Armee aufmarschieren ließen.[1]
Nach dem Abriss der Prager Stadtmauern gehörten die landwirtschaftlich genutzten Grundstücke in Karolinenthal, dem heutigen Karlín zu den preisgünstigen in Prag. Daher wuchs die Zahl der Industrieunternehmen in der Gegend der Rohan-Insel (Rohanský ostrov) und die der Wohnhäuser sehr schnell. Einer der Unternehmen war J. U. Bencker. Karolinenthal hatte als einziger Prager Vorort eine größere deutschte Bevölkerung. Der Anteil der Deutschen lag bei 16,6%[1] im Jahr 1890.
Karlín wurde am 1. Januar 1922 nach Prag eingemeindet. In dieser Zeit war der Elektrotechniker und Industrielle František Křižík (1847–1941) auch für Prag-Karolinenthal bedeutend. Er elektrifizierte die Straßenbahnlinie, die er danach an die Stadt verkaufte und errichtete 1884 eine elektrotechnische Fabrik in Karlin.
Eine der bedeutenden Bauten ist die Moldaubrücke (Negrelli-Viadukt) der Bahnstrecke Praha–Děčín. Seit 1958 wurde dieser Stadtteil um eine Experimentalsiedlung Sídliště Invalidovna, einem Beispiel für damals moderne Wohnkultur, erweitert. Diese auf einer Fläche von 14 Hektar nach einem Projekt von Jiří Novotný durch Josef Polák und dessen Kollektiv erbauten Siedlung wurde von Bedeutung für die urbanistische Entwicklung Prags Ende des 20. Jahrhunderts.[2]
In den 1970er Jahren wurde der Verkehr schwerpunktmäßig auf das Rohan-Ufer (Rohanské nábřeží) verlegt und die Hauptverkehrsader entlastet. Karlín ist seit 1974 mit der Station Florenc an die Metro Prag angeschlossen. Seit dem Jahr 1990 führt die Metro mit den Stationen Křižíkova und Invalidovna direkt in das Zentrum Karlíns. Oberirdisch wurden Fußgängerzonen eingerichtet. 1991 hatte Karlín 14.240 Einwohner. Im Jahre 2001 bestand Karlín aus 500 Häusern mit 12.326 Einwohnern.
Im Jahr 2002 war Karlín von dem Moldauhochwasser schwer betroffen. Erst nach einem Jahr hatte sich das Leben wieder normalisiert.
Hotel Olympik (Sídliště Invalidovna, Dominanz einer Experimentalsiedlung, Projekt: Josef Polák und Milan Rejchl, ausgeführt unter Mitwirkung von Rudolf Hadrava und Zdeněk Wasserbauer (Innenräume), beendet 1971)
Karel Plicka, Emanuel Poche: Prag – Ein Bildführer. Deutsche Übersetzung: Günther Jarosch, Prag 1982, Translation Günther Jarosch Berlin 1982, S. 192 f., 198 (unter Textstelle 490 und 491)