Boum (Roman)
Boum ist ein 2022 erschienener Roman der österreichischen Kabarettistin, Poetry-Slammerin und Romanautorin Lisa Eckhart.
Kurzbeschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Paris erschüttert eine Mordserie an Straßenmusikern die Stadt. Die berichtenden Medien, der Terrorexperte Jacques Boum, der ermittelnde Kommissar Tiger Brown und der Bürgermeister liefern sich Deutungs und Machtkämpfe. Die junge Österreicherin Aloisia kommt nach Paris, wird von ihrem französischen Liebhaber betrogen, gelangt einerseits in Kontakt mit der Obdachlosen-Unterwelt des Clochard-Königs Clopin, der die Mordserie zu verantworten hat, andererseits über dessen Ex-Geliebte Madame Edwarda in eine Agentur, die unter anderem Hostessen und Prostituierte vermittelt. Als deren Angestellte findet Aloisia ihre Liebe auf den ersten Blick: den Halb-Vietnamesen Gonthier. Aloisia verstrickt sich in ein Doppelleben und stiehlt in Clopins Auftrag dem Kommissar dessen Fahndungs-Notizen. Clopin nämlich plant einen großen Coup zur Pariser Fête de la Musique. Intrigen und inszenierte Gewalt kulminieren in einem öffentlichen Spektakel, das Chaos und Aufruhr über Paris bringt.
Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erster Haupthandlungsstrang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dieser „scheinbare Haupt-Handlungsstrang, der aber rasch in Bedeutungslosigkeit versinkt“,[1] berichtet, wie am 21. Juni des ersten Kalenderjahrs der Handlung[Anm. 1] eine „unbekannte Sängerin“ in Paris tot aufgefunden und die Leiche in Szene gesetzt wird, mit einem Kazoo im Rachen. Den vermeintlichen Einzeltäter nennt die Presse La Maestro Massacreur,[2.1] der mit der Sängerin beginnend vier Straßenmusikanten „binnen eines Monats“ ermordet, bei Tageslicht, an den „bekanntesten und belebtesten“ Plätzen von Paris.[2.2] Die Leichen werden jeweils sorgsam in Szene gesetzt. Ein Terrorexperte, der unter dem Namen Jacques Boum auftritt, findet, die Mordserie wäre „eindeutig islamistischer Terror“[2.3] und tritt damit in Konkurrenz zum eigentlich ermittelnden Kommissar Tiger Brown. „Seit nunmehr einem Monat aber gibt es keinen weiteren Mord“,[2.4] als die Romanhandlung einsetzt. Doch dann kommt es zu Misshandlung und Mord an zwei Panflötenspielern in den Buttes-Montmartre durch eine fünfköpfige Gruppe vermeintlich behinderter Clochards. Wie immer findet die Polizei keine Zeugen für die Tat von La Maestro Massacreur: „im prallen Sonnenschein rammte er Flöten in Kehlen und Hintern“.[2.5] Diesmal wurde der Leichenfund, ehe eine Sichtschutzwand errichtet werden konnte, jedoch von einem Straßenmaler festgehalten: Zwei Ausfertigungen des Bildes sind fertig, eine hat Boum gekauft, der sich mit Kommissar Brown um die Zuständigkeit streitet: Mord oder Terror-Tat? Beide jedoch denken, dass es sich entgegen der öffentlichen Meinung nicht um einen Einzeltäter handle. Boum und der Kommissar freunden sich in der Folgezeit an, während der Straßenmaler die Karikatur an die Tageszeitung Paris-Matin verkaufen wird. Die politische Ebene in Form des Pariser sozialistischen Bürgermeisters drängt, als weitere Morde ausbleiben, Kommissar Brown dazu, dass „die Bewohner dieser Stadt weiterhin glauben“ sollen, „dass der Mörder frei herumläuft.“[2.6] Doch Kommissar Brown und der Terrorexperte Boum haben auch noch andere Tätigkeitsfelder: „Klassische Musik, um Obdachlose zu vertreiben“,[2.7] erschallt am Pariser Garde du Nord aus großen Lautsprechern und ruft einen großmaßstäbigen Clochard-Angriff hervor. Bald übertönt der „Lärm der Lautsprecher, die am Asphalt zerschellen“,[2.8] die Musik. „Die Medien nannten es une émeute. Einen Aufstand. Wie damals in den Banlieues. […] Andere wiederum nannten es Streik. Und nicht wenige kapitulierten vor der eigenen Ratlosigkeit und nannten es Kunst. Jedenfalls wusste niemand genau, was geschah und wer es geschehen ließ. […] Um den Frieden zu wahren, einigte man sich daher rasch auf Terroristen. In den Abendnachrichten bestätigte Monsieur Boum diese These.“[2.9] Doch La Maestro Massacreur bleibt weiterhin untätig.
Zweiter Haupthandlungsstrang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Noch vor dem Mord an den Panflötenspielern landet die des Französischen nicht mächtige frischgebackene österreichische Maturantin Aloisia auf dem Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle. Eigentlich erwartet sie, dass ihr französischer Geliebter Romain sie vom Flughafen abholt, doch tut er das nicht. Stattdessen wird sie dermaßen stark angerempelt, dass sie das Gleichgewicht verliert und auf den Rücken fällt, wo sie ihr schwerer Rucksack fixiert. Und „die Flasche Chianti, welche sie im Duty-Free-Shop gekauft hat, zerbirst mit eindrucksvollem Lärm […]. So ein lauter Knall. Zügig sind sich alle einig. Das hier ist ein Terroranschlag.“[2.10] Sofort ist ein Ermittler da: „Das sind diese neuen Geschosse“, behauptet der herbeigeeilte Terrorexperte Jacques Boum: „Die klingen, als ob Glas zersplittert.“[2.11] Er bekundet, der ausgelaufene Rotwein sei Blut, in dem die hilflose Aloisia liege. „Die ersten fangen an zu brüllen. Andere wiederum halten das Brüllen für Kampfgeschrei von Terroristen und brüllen darum um so lauter.“[2.12] Chaos bricht aus, in dem sich zwar keine Attentäter finden, doch zwei rote Stöckelschuhe samt zugehörigem, stark behaarten Menschen, die Aloisia seitlich stupsen, so dass sie auf die Seite rollt.[2.13] Aloisia kann sich zu Romains Behausung im Osten des Pariser Zentrums aufmachen. Zunächst einmal geht sie dort in den Innenhof. „Sie klappt eine der Mülltonnen auf und beginnt darin zu wühlen. Dann entledigt sie sich eilig ihrer Schuhe, ihrer Socken, ihrer Hose, ihres Hemds.“[2.14] Bei Romains 10-Quadratmeter-Studio ertappt sie Romain, wie er mit einer anderen Frau Sex hat. Jenseits des Innenhofs, am gegenüberliegenden Fenster, sieht ein Hausbewohner die entblößte Österreicherin; später kommt heraus, dass er darob einen Herzinfarkt erlitt. Die enttäuschte Aloisia, inzwischen angekleidet, macht sich davon, weint auf der großen Treppenanlage von Sacré-Cœur de Montmartre heftig wegen des treulosen Romain, wird von weitem Zeugin der Misshandlung der beiden Panflötenspieler und deswegen von einem Teil der Clochard-Täter verfolgt, kann entkommen. Allerdings trifft sie in der Métro auf den Anführer der Mörderbande, Clopin Charlemoindre. Clopin weist sie auf eine freie Wohnung hin. Diese erweist sich als die Wohnung desjenigen Mannes, der Aloisia über den Innenhof hinweg erblickt hatte und daher von einem Herzinfarkt dahingerafft worden ist. Immerhin hat Aloisia nun „eine Bleibe. Und das viel früher als erwartet. Dafür hat sie keinen Freund mehr. Auch viel früher als erwartet. Die Kombination aus beidem dürfte sie allerdings in Bälde mit Geldproblemen konfrontieren.“[2.15] Ein Anruf im heimischen Österreich bietet ihr keinen Ausweg: Die Eltern haben sich ein „paar Stunden“ nach ihrer Abreise getrennt und keinen Platz mehr für sie.[2.16] „Durch einen kleinen Spalt im Vorhang lugt sie hinüber in seine Wohnung“, zu Romain, und entwickelt einen ausgereiften Voyeurismus hinsichtlich ihres Ex-Geliebten und seiner wechselnden Damenbekanntschaften:[2.17] „Ist es normal, anderen beim Sex zuzuschauen? Wahrscheinlich schon. Aber ist es auch normal, sich dabei nicht anzufassen? So eine Art platonisches Spannen? Ist das normal?“[2.18] Da Romain einen regelmäßigen Lebenswandel pflegt und Aloisia immer noch einen Schlüssel zu seiner Wohnung besitzt, geht sie jedes Mal, wenn er die Wohnung verlässt, hinüber und speist dort. „Aloisia hat bislang niemals Geld verdient, sondern immer nur bekommen. Sie fand das nicht schlimm. Im Gegenteil. Sie hat nie recht eingesehen, weshalb da viele einen Unterschied machen. Zwischen verdienen und bekommen.“[2.19]
Wie soll Aloisia an Geld gelangen? „Sie könnte betteln gehen“, ist dafür „perfekt. Weil sie nicht so aussieht, als hätte sie es nötig“[2.20] und gutbürgerliche Geschichten plötzlicher vorübergehender Verarmung von sich geben kann. Sie kennt auch ihre Zielgruppe: „Alte Frauen und junge Männer. Das sind die Spendabelsten. Die einen haben ein weiches Herz, die anderen einen harten Schweif. Und beide lassen sich stets noch ein bisschen mehr erweichen und erhärten.“[2.21] Ein Bettelversuch am Gare du Nord endet damit, dass eine Gruppe junger Deutscher ihre erfundene Geschichte platzen lässt und Aloisia in eine brenzlige Situation gerät, aus der sie durch einen vermeintlich extremitätenarmen Clochard gerettet wird: „Der Torso sitzt auf einem Rollbrett, wie man es aus dem Baumarkt kennt. […] An sich nichts Besonderes. Abgesehen von den Seilen, die daran befestigt sind. Sie umgürten den Torso sowie dessen Zugtier. Ein kleiner, doch kräftiger Hund“,[2.22] der den Torso und Aloisia in rasanter Fahrt erst in die Gänge der U-Bahn und von dort aus in die Katakomben zieht, wo Aloisia abermals auf Clopin trifft, der gerade wegen der reißerischen, mit einer Panflötenspielerleichen-Karikatur eröffneten Berichterstattung der Tageszeitung Paris-Matin dem Serienmorden abgeschworen hat: „Auf jeden, den wir töten, kommen zehn Musikanten nach! Heute sind es mehr denn je!“[2.23] Clopin macht Aloisia mit einigen Grundzügen seiner Untergrund-Herrschaft bekannt wie dem, dass man die echten Behinderten ausschließlich als ausbildende Wissens-Multiplikatoren für jene Clochards verwende, die an der Oberfläche dann bettelten. Aus dieser „Hof der Wunder“ genannten Clochard-Zentrale fahren Aloisia und Clopin mittels eines käfigartigen Aufzugs im „Turm der Wunder“ hinauf.[2.24] In dessen oberen Stockwerken, platziert an der Avenue George V. im Élysée-Arrondissement ist eine Agentur Elite beheimatet, deren Tätigkeiten sich auf drei Geschäftszweige erstreckt, von denen der Mannequin-Geschäftszweig durch Madame Edwarda geleitet wird, einer ehemaligen Geliebten Clopins. Daneben gibt es noch einen Prostituierten-Geschäftszweig, geleitet von Madame Veuve Cliquot, und einen Hostessen-Geschäftszweig, geleitet von Madame Sylvie. Beinahe jede Bewerberin findet bei Elite ein Auskommen. „Je nachdem, was das Talent des jeweiligen Mädchens ist: gehen, liegen oder stehen. […] Für die Kunden ist das äußerst praktisch. Die mussten früher drei verschiedene Agenturen kontaktieren, wenn sie eine Firmenfeier oder ein Bankett abhielten. Denn nicht selten benötigen sie alle drei Sorten von Mädchen.“[2.25] Aloisia findet Arbeit bei den Hostessen, „die ruhig etwas hässlich sein dürfen“,[2.26] und revanchiert sich bei Clopin für diesen schon zweiten Gefallen dadurch, dass sie Clopins Clochards dabei hilft, eine Luxus-Tierhandlung an der Pont Neuf zu überfallen, in der Romain als Wochenend-Nachwächter arbeitet: Da die Bekämpfung der einnahmenschädigenden Straßenmusikanten eingestellt ist, wollen die Clochards durch Mitführen von Tieren die Einnahmen steigern. Die irrige Annahme, dass die Räuber rabiate Tierretter gewesen wären, und die Tatsache, dass Romain verletzt auf der Straße liegt, sorgt dafür, dass Romain als einer der vermeintlichen Tierretter gilt. „Bei dem vielen Lärm, den die Presse gemacht hat“ um die Entführung der Luxus-Tiere,[2.27] entpuppen sich diese dann allerdings als zu auffällig, so dass Clopin letztlich Aloisia beauftragt, sie zu ersäufen.
Aloisias erster Arbeitstag als Hostess bringt sie derweil auf den Pariser Autosalon, wo sie aus der Ferne den Halb-Vietnamesen Gonthier anschmachtet, der sie als „ein besonderes Mädchen“[2.28] den Kleinwagen zuordnete und dem Madame Veuve Cliquot eine ihrer Prostituierten andrehen möchte. Aloisia „kennt seinen Namen nicht, doch das ist nicht weiter schlimm. Er kennt ihren schließlich auch nicht.“[2.29] Als „fester Bestandteil von Sylvies Regiment“ steht Aloisia „Tag für Tag auf Kongressen, Konferenzen, Symposien und Meetings“,[2.30] darunter einer im Oktober[2.31] stattfindenden Gala des Tierschutzvereins, auf der sie Romain – aufgrund der Tierhandlungs-Aktion nun Vereinspreisträger für Zivilcourage – erfolgreich aus dem Weg geht und Gonthier weiterhin anschmachtet, der „nicht freiwillig“ auf der Gala ist, sondern weil seine Autofirma „wegen der Tierversuche am Pranger“ stand und nun Schadensbegrenzung betreiben muss.[2.32] Als Aloisia vor der Toilette Dienst schiebt, begegnet sie Gonthier. „Er lächelt. Doch nicht nur das. Er redet und redet und redet und redet und redet. Sie möchte verstehen. Noch niemals wollte sie so sehr verstehen“, was aber an ihren ungenügenden Französisch-Kenntnissen scheitert.[2.33] Hinter Gonthiers Rücken taucht jedoch Romain auf, und Aloisia befürchtet „die unangenehmste Situation, die sie sich ausmalen könnte“,[2.34] flieht panisch aus dem Festsaal in die Lobby und von dort in das höchste Stockwerk, dort durch eine offene Tür in ein Zimmer, dessen Tür sie schließt. Die Tür wird wieder geöffnet durch den Präsidenten des Tierschutzvereins, der von Elite eine Prostituierte bestellt hat und Aloisia nun für diese hält. Aloisia steht „nur stumpfsinnig da und weiß kaum, wie ihr geschieht.“[2.35] Reden tut sie mangels Sprachkenntnissen nicht, schreien auch nicht. Der Tierschutz-Präsident textet sie zu, von ihr und ihrem Schweigen angetan, während er sie entkleidet, doch im letzten Moment gelangt Veuve Cliquot mit der tatsächlichen Prostituierten in das Zimmer und Aloisia entkommt der Situation, weint auf dem Heimweg, begegnet in der Métro-Station Oberkampf Clopin, dessen rote Stöckelschuhe einen ungehorsamen Obdachlosen auf die Gleise stoßen.
Allerdings ist der Tierschutz-Präsident immer noch angetan von Aloisia, so dass Veuve Cliquot Aloisia für den Prostituierten-Geschäftszweig von Elite rekrutiert, worin Aloisia eine Möglichkeit sieht, den angeschmachteten Gonthier wiederzusehen: Veuve Cliquot ist das einzige Aloisia bekannte Bindeglied zu Gonthier. Dass Aloisia nun als Prostituierte arbeitet, ändert auch den Charakter ihres Voyeurismus bei Romain und dessen wechselnden Gespielinnen: „Zugeschaut hat sie denen schon immer, doch bislang nur zur Unterhaltung. Nun aber will sie etwas lernen. Sie will sich fortbilden in Sachen Erotik, sonst reißt die Flut der Herren ab. Und das, ehe sie Aloisia ihren schönen Chinesen in die Arme gespült hat“,[2.36] wie Aloisia den für sie immer noch anonymen Halb-Asiaten Gonthier nennt. Dass Aloisia ihren Freiern so viel zuhört, bringt allerdings mit sich, dass ihre Französischkenntnisse sich bessern. Alsbald fliegt auf, dass Aloisia das Gerede ihrer Freier inzwischen doch versteht, was jene nicht goutieren. „Wieder einmal stehen die Herren […] Schlange. Wieder einmal will sie jeder für sich. Nur diesmal nicht zum Liebesspiel. Einige sähen sie gern tot. Die meisten aber begnügten sich damit, ihr die Zunge abzuschneiden. Die Hände noch dazu, sonst schreibt sie das Gehörte auf“, und ein Ex-Freier schlägt gar Lobotomie vor.[2.37] Doch Gonthier hat von einem der Ex-Freier Aloisias deren Namen erfahren und überbietet bei Veuve Cliquot alle Möchtegern-Mundtotmacher im Preis. Bald nimmt der verheiratete Gonthier Aloisia mit auf seine Dienstreisen. Und Aloisia nimmt, wenn sie in Paris weilt, nachts ihre Beziehung zu Romain wieder auf: „Niemand ist am Abend allein. Nach dem Essen schläft sie mit Romain. Sie will wissen, wie sich das anfühlt. Wie es sich anfühlt zu betrügen. Vielleicht tun sie es ja exakt im selben Moment. Vielleicht schläft sie mit Romain, während Gonthier mit seiner Frau schläft. Und beide denken sie dabei aneinander.“[2.38] Sobald Romain jedoch von diesem Doppelleben erfährt, beendet er seinerseits die Beziehung. Und „Romain hat Vorhänge montiert. Drei ganze Tage lang hat sie gewartet, dass er sie öffnet. Die Vorhänge gingen ebenso wenig auf wie die Tür. Romain hat das Schloss getauscht. Er hat sie ausgesperrt“ aus seinem Leben.[2.39]
Vereinigung der Handlungsstränge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Noch bevor Aloisias frisch erworbene Französisch-Kenntnisse auffliegen und sie sich mit Gonthier vereinigt sieht, verlor Clopin „die Contenance“,[2.40] als er am Cimetière du Père-Lachaise einen Straßenmusikanten begegnete, der eines der entführten Luxus-Haustiere bei sich hatte: Clopin fiel in alte Gewohnheiten zurück und beseitigte den Musikanten, bereute anschließend jedoch, dass „alle glauben werden, dass der Maestro wieder mordet. Und das Spektakel geht wieder von vorn los! Dann pilgern sie wieder alle hierher. Von den weißen Rastafari-Ukulele bis hin zur jungfräulichen Triangel-Fotze. Deswegen brauche ich deine Hilfe“, sagte er zu Aloisia: „Der Mordkommissar, der im Fall des Maestros ermittelt, ist ein braver Mann. Mit einer Schwäche für junge Mädchen“, der Kommissar Brown mit Hilfe der Elite-Prostituierten nachgibt.[2.41] Nun wünschte Clopin, dass Aloisia den Kommissar als Prostituierte näherkommen möge, da Aloisia offensichtlich nicht alle Luxus-Haustiere ordnungsgemäß ersäuft hatte und daher für die Misere mitverantwortlich war. Tatsächlich konnte Aloisia dem Kommissar als einem von mehreren potentiellen Kunden („inzwischen mehr, als sie jemals treffen könnte“)[2.42] bei einem Schäferstündchen sein blaues Notizbuch abluchsen und es Clopin aushändigen.[2.43] Der notizbuchlose Kommissar hat später, als Aloisia und Gonthier bereits ein Paar sind, ein anderes Problem: den vermeintlichen Mord an einem Bratschisten. Jener allerdings stellt sich als inszeniert heraus durch den Pariser Bürgermeister, der dem Kommissar bei einem Gespräch im Hôtel de Ville offenbart, die nächste Pariser Fête de la Musique stehe ganz im Zeichen von La Maestro Massacreur, der bedauerlicherweise selbst keine Taten mehr begehe: „Touristen stehen auf Serienmörder. Sie stehen nicht auf Clochards. Keiner tut das. Sogar die Pariser geben ihnen nichts mehr. Die spenden ihr Geld lieber nach Afrika, damit die Neger nur ja nicht hierherkommen.“[2.44] Der Bürgermeister beauftragt Kommissar Brown, das „Nest“ der Clochards zu finden, das „irgendwo in den Katakomben“ sein müsse: „Wir sprengen die Katakomben“, mitsamt der lästigen Obdachlosen,[2.45] geplant für den 21. Juni.[2.46] Kommissar Brown will Clopin warnen, welcher ihn mit den Worten empfängt: „Der verlorene Sohn kehrt zurück! Von seinem rechtschaffenen Leben geläutert und wieder bereit zu stehlen und zu täuschen, wie es kaum ein anderer kann. So ist es doch, oder nicht, Tiger Brown?“[2.47] Clopin kommt es verdächtig vor, dass Kommissar Brown ihn gerade jetzt warnt, wo er selbst „einen Coup gegen euch“ plant, für eben jenen 21. Juni, an dem die Fête de la Musique ansteht.[2.46] Kommissar Brown wiederum warnt nun den Bürgermeister vor einem bevorstehenden „Blutbad“, doch der Bürgermeister weigert sich, deswegen die Fête de la Musique abzusagen,[2.48] kommt stattdessen auf die Idee, der Öffentlichkeit den Kommissar als La Maestro Massacreur zu präsentieren: „Und ich spiele den, der Sie gestellt hat.“[2.49] Trotz bürgermeisterlichen Schusswaffengebrauchs kann der Kommissar auf den Rathausvorplatz fliehen, wo Clopins Clochards ihn untertauchen lassen, damit aber ihre eigenen Zwecke verfolgen. Clopin nämlich vertritt die Auffassung, „Attentate mittels Dynamit sind eine ureuropäische Kunst. Von so ein paar bärtigen Kuttenbrunzern aus der Wüste lasse ich mir den Terror nicht wegnehmen.“[2.50] Er will Kommissar Brown nutzen, um dessen Freud, den Terrorexperten Boum, in eine Falle zu locken, der in der Nähe des Gare du Nord nach dem Kommissar sucht. Boum trifft auf das hündchengezogene Rollbrett, auf dem Aloisia Monate zuvor zu Clopin gelangt war, jedoch sitzt der Torso diesmal nicht auf dem Rollbrett. „Boum schleicht auf das Hündchen zu. Das wedelt freudig mit dem Schwanz. Doch kaum dass Boum ihm näherkommt, läuft es ein paar Meter weg. Auf diese Weise lockt ihn das Hündchen allmählich fort vom Gare du Nord […]. Am Eingang zur Métrostation Chaussée-d’Antin lässt es sich schließlich fassen. Boum greift nach dem blauen Notizbuch, das auf dem Kutschenwagen liegt. […] Mehr als der Bucheinband ist davon nicht übrig. Auf der Innenseite steht handschriftlich vermerkt der Name des Kommissars. Das Hündchen läuft los. Boum nimmt die Verfolgung auf“,[2.51] hinab in die Katakomben, wo er den Kommissar vorfindet: allein und eingesperrt. Jener berichtet von den Anschlagsplänen der Clochards, die „Chemikalien aus den Baumärkten geklaut haben“, was Boum zuvor als Vorbereitung islamistischer Anschläge deutete und daher nicht glauben mag: „Clochards verüben keinen Terror. Terror ist was für Gläubige. Ungläubige laufen Amok.“[2.52] In diesem Moment machen Polizisten das „Nest“ der Clochards ausfindig, bereit, es zu sprengen, was ihnen Boum jedoch ausredet.
Während Boum und Brown noch unter Tage sind, will der Bürgermeister auf dem Rathausvorplatz-Bühne die Fête de la Musique durch einen „Musiker und Mörder“[2.53] eröffnen lassen, der in das Kazoo des ersten Opfers von La Maestro Massacreur blasen soll. Allerdings wurde jener „Ehrengast“[2.53] just von den Obdachlosen Clopins entführt, die stattdessen Aloisia zum Bürgermeister auf die Tribüne beordern: Der Ehrengast verspäte sich. Der Bürgermeister „überlässt Aloisia das Kazoo. Kaum hat sie das Instrument gefasst, schnellt ihre zweite Hand in die Höhe und bittet um das Mikrophon. Auch das händigt er ihr artig aus. […] Aloisia bläst in das Kazoo. Wenige Sekunden später stürzt etwas vom Dach des Rathauses“, nämlich der Ehrengast. „So weit hatte sie Clopin nicht eingeweiht. Was hätte es auch genutzt? Ein aufgesprungener Schädel zu ihren Füßen wäre ihr immer nahegegangen. […] Auch an den Gebäuden ringsum regen sich plötzlich die Fassaden“, Clochards „kriechen aus dem Weltgericht über den Toren von Notre-Dame und klettern von Podesten im Jardin du Luxembourg. Ein Konzert von auf der Flucht zertretenen Instrumenten. Qualm über der rauchfreien Stadt“ dank der Anschlagsserie des Clochard-Königs Clopin.
Textanalyse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei Boum handelt es sich um eine personal oder auktorial erzählte, „satirisch-parodistische“ Mischung aus „Krimi, Horror, Erotik-, Liebes- und Abenteuerroman“.[3] Ort der Romanhandlung ist Paris. Die Berichtszeit erstreckt sich über etwas weniger als ein Jahr[Anm. 1] und, soweit es sich dabei nicht ohnehin um ein fiktives Jahr handelt, von Sommer 2013 bis Juni 2014.[Anm. 2]
Figuren (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Aloisia: Die Leoben geborene[2.20] „Aloisia ging gern zur Schule. Sie tat sich beim Lernen leicht, und die Lehrer mochten sie. Enge Freunde hatte sie nicht, doch das nahm sie nicht persönlich. Sie wurde schließlich nicht gemieden, sondern nur einfach nicht bemerkt. Sie war nicht hässlich genug für die Spötter und nicht schön genug für die Neider. Sie war weder dick noch dünn,“[2.54] ist zwar blond,[2.55] leidet dafür aber unter Akne.[2.56] Ihr Maturazeugnis weist zwar eine „glatte 1,0“ auf,[2.57] gleichwohl „kann sich Aloisia nicht erinnern, je eine Zeitung gelesen zu haben. […] Bücher hat Aloisia auch nicht häufig von innen gesehen.“[2.58] Die naive „steirische Landpomeranze“[4] blieb in ihrer Jugend „verschont“ von Reichtum und Armut[2.59] und „hatte sich nie für eine gute Lügnerin gehalten. Die wenigen Versuche, Verwandte oder Lehrer anzulügen, schlugen ausnahmslos fehl. Meist schon im Moment des Lügens. Ihr Gesicht zieht alle Register, um seine Trägerin zu verraten. Ebenso wie ihre Stimme, die bei jedem verlogenen Wort sprungartig die Tonlage wechselt. Sie hatte fürs Lügen nie viel übrig. So ungesprächig, wie sie ist, erschien es ihr als Fleißaufgabe.“[2.60] Insgesamt will Aloisia „vom Leben nicht viel und hat allgemein wenig mitzuteilen“,[5] eine Eigenschaft, die ihr als schweigende Edelprostituierte zustattenkommt, die den „Männern einen beliebten Service ‚zwischen Gespräch und Selbstgespräch‘, zwischen ‚Sex und Onanie‘ bietet“[6] und ihnen ansonsten wenig gibt: „Kein Schreien, kein Stöhnen, nicht einmal ein Seufzen.“[2.61] Aus diesem Grunde ist die „apathisch-halbverlorene österreichische Teenagerin“[1] eine „perfekte Gesellschaft für Herren, denen die Einsamkeit zu wenig und die Zweisamkeit zu viel ist“:[2.62] Aloisia macht sie dadurch „rasend“, dass sie „eben das gewisse Nichts“ hat.[2.63]
- Romain: „Schon von klein auf lebt Romain in der festen Überzeugung, der Sohn von Serge Gainsbourg zu sein. Das klingt zunächst befremdlich, doch in Wahrheit fühlen so die meisten Franzosen.“[2.64] Er ist „Ende dreißig“,[2.65] lebt seit „über zwanzig Jahren“ in derselben Pariser Wohnung[2.66] und sprach Aloisia während deren Paris-Klassenfahrt an,[2.65] ein Jahr, bevor sie ihr Matura macht.[2.67] „Romain arbeitet viel. Nicht gut, nicht hart, nur viel. Wenigstens auf dem Papier. Da hat er sogar mehrere Posten gleichzeitig inne“, als Nachtprotier in drei nebeneinander gelegenen Hotels am Gare du Nord sowie am Wochenende als Nachtwächter „in einer dieser Luxus-Tierhandlungen im ersten Arondissement“,[2.68] die ihm „nun schon seit Jahren als Liebesnest“ dient,[2.69] eine spezielle Gewohnheit, die Romain während der Beziehung mit Aloisia ebenso wenig ablegt wie seine allgemeine Untreue ihr gegenüber.
- Gonthier: „Günter aus Saigon, der eigentlich Gonthier heißt, für ein bayerisches Unternehmen arbeitet und leidvoll feststellen muss, dass pralle Weiblichkeit bei der Präsentation mächtiger SUVs nicht mehr angesagt ist“,[6] arbeitet als „stellvertretender Direktor der Marketingabteilung. Der Direktor, den er vertritt […] liegt seit nunmehr einem halben Jahrzehnt im Koma.“[2.70] Geboren ist der verheiratete Gonthier „in Paris. Als Sohn einer geflüchteten Vietnamesin aus der Provinzstadt Quảng Ngãi und eines französischen Wagnerianers“ spricht Gonthier dennoch „weder Deutsch noch Vietnamesisch.“[2.71] Er „würde sich selbst als nur mäßig triebhaft bezeichnen. […] Vielmehr nimmt er Huren zu sich wie andere Menschen einen Kaffee, ein paar Züge Cannabis oder andere Stimulantien, die Gonthier nicht interessieren. Er kokst nicht, raucht nicht, trinkt nicht und – die in seinen Kreisen wohl heftigste Droge – er redet nicht über sich selbst.“[2.72] Sein Verhältnis zur Prostituierten Aloisia ändert diese Handhabung der Hurerei.
- Clopin Charlemoindre: Nach eigenem Bekunden handelt es sich bei diesem Obdachlosen-Führer mit den „verhornten Fingernägel“[2.73] um den „Oberherrn der Unterwelt, Kaiser der Krüppel und König der Clochards“.[2.74] Folgt man seinen Behauptungen, so ist Clopin unrealistisch alt: Er habe Lehrmethoden zu Zeiten von Ludwig XIV. miterlebt, dem er „kurzzeitig als Abakus diente“[2.75] und war „recht eng“ mit Balzac.[2.76] „Clopin betrachtet seit dem 20. Jahrhundert, seit der Hochzeit des Faschismus, öffentliche Tobsuchtsanfälle als unziemlich für einen König“[2.77] und hasst die akustische Vermüllung mit ungebetener Beschallung insbesondere durch Straßenmusikanten: „Alleine ihr Gestank! Nichts als optische Täuschung! Dieser Gestank, den man nur sehen, aber nicht riechen kann. Aufwändig verfilzte Haare und absichtlich zerrissene Hosen. Der Pöbel wünscht nur die Bilder von Armut, nicht aber ihren Ruch.“[2.78] Äußerlich ist der alte Clopin „nicht groß. [..] Sein Gang hat etwas Weihevolles, dem auch sein Hinken nichts anhaben kann.“[2.79]
- Tiger Brown: Dieser Ermittler der Mordkommission wurde „vierzig Jahre“ vor der Handlung des Romans durch Clopin „gerettet“,[2.80] hat jedoch Clopin vor „dreißig Jahren“ verlassen.[2.46] Brown ist „zweifach geschieden und einmal verwitwet“[2.81] und wohnt im Nordosten von Paris. „Der Kommissar lebt gerne hier. Zwar arbeitet er für das Gesetz und viele seiner Nachbarn dagegen. Trotzdem fällt er nicht auf“[2.82] und genießt „besonders […] die Kleinkriminalität. Im Quartier de la Chapelle wird zwar gestohlen, doch selten einer abgestochen. Es sind unprätentiöse Verbrechen, die hier begangen werden.“[2.83] Kommissar Brown ist blankrasiert,[2.84] und „Humor ist eine Disziplin, in der er sich nicht oft versucht.“[2.7] Dafür versucht er, aus der Fellatio durch Angestellte der Zuhälterin Veuve Cliquot Kreativität zu ziehen: Ihm „kommen die besten Ideen im Mund einer Frau“,[2.85] zeitweise auch bei Aloisia, ohne dass er sich deren Rolle bewusst wird.
- Jacques Boum: „Frankreichs berühmtester Terrorexperte“[2.11] ist im humoristischen Bereich „nicht sonderlich begabt“[2.7] und wollte schon als Kind für das Gute kämpfen. „Aber schon damals war ich feige. Beim Räuber-und-Gendarm-Spielen habe ich mich versteckt, bis alle gefasst waren, und mich dann um den Papierkram gekümmert.“[2.86] Das merkt man ihm nun außer im Zwiegespräch mit seinem Freund Kommissar Brown nicht mehr an: „Der Mann ist groß, aber nicht zu groß. […] Er trägt einen verlebten Trenchcoat und schulterlanges dunkles Haar. Rauchend zieht er seine Runden. Geschmeidig und gebieterisch.“[2.10]
- Veuve Cliquot: „Die alte Veuve Cliquot ist eine stolze Frau. Sie erträgt kein Nein und sie hört auch keines mehr, seit sie sich den Herren nicht mehr selbst an den Hals wirft, sondern Huren auf sie hetzt. Man kann nicht sagen, wen sie in ihrer Jugend mehr hasste. Die Herren, die sie verschmähten, oder die Mädchen, die sie verhöhnten. Ihre Rache sollte ihnen allen gelten. Sie trieb die Herren und die Mädchen einander in die Arme und machte ein Geschäft aus dem, was sie selbst nicht haben konnte.“[2.87] Das „das dunkle, geschlechtslose Timbre“[2.88] ihrer Stimme redet über die Prostituierten im Weinkenner-Jargon. „Die Idee dieses Vokabulars stammt allerdings nicht von ihr. Sie verdankt sie einem Herrn, der sie einst fragte, wie viel Remouage bei den Mädchen erlaubt sei“, was sie erstmal nachschlagen musste.[2.89] Dieser sprachliche Geheimcode schützt auch davor, dass Lauscher wissen, worüber sie mit den Freiern redet. Allein „ihrem hohen Alter und der nachlassenden Sehkraft“[2.90] ist es zu verdanken, wenn eine Angestellte von dieser „Geißel der Huren“[2.90] verschont bleibt.
- Edwarda: Zwischen der etwa vierzigjährigen[2.91] Chefin des Mannequin-Geschäftszweigs der Agentur Elite und dem Clochard-König Clopin liegt etwas „in der Luft. Die Stimmung eines gemeinsamen Morgens, an dem man sich schämt, nichts zu bereuen.“[2.92] Doch perdu ist die Affäre zwischen Edwarda und Clopin, Edwarda geblieben eine „Art von Müdigkeit, welcher selbst der Schlaf nichts anhaben kann“,[2.93] und eine Reihe „langer dünner Finger“ mit jeweils einem „langen roten Nagel“.[2.94]
- Sylvie: Diese Chefin des Hostessen-Geschäftszweigs der Agentur Elite „begehrt überhaupt keine Männer, möchte aber von ihnen begehrt werden. Das tat sie immer schon. Seit sie weiß, dass sie lesbisch ist, tut sie es aber umso mehr.“[2.95]
Themen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wesentliches Thema das Romans Boum ist eine Liebesgeschichte zwischen der aus der österreichischen Provinz stammenden Aloisia und dem urbanen Habenichts Romain, von dem Aloisia sich jedoch trennt, die sich später in Gonthier verliebt. Aloisias Sprachlosigkeit auch während der später im Roman professionell durchgeführten Sexualakte ergänzt hierbei die Bedeutung von Sex in dem Roman: „Alles in diesem Roman ist Körper“.[6] Zweites Thema sind anfangs die Serienmorde der Clochard-Bande, die eine unterirdische Gegenmacht zur Macht auf der Oberfläche sind. Jener oberflächlichen Macht stellen die Clochards bei ihrem Angriff am Gare du Nord oder auf die Luxus-Tierhandlung sowie am Ende des Romans die Macht der Straße entgegen, während die anfängliche Mordserie nur dadurch entstand, dass sich die Clochards dadurch „gegen die Konkurrenz der Straßenmusiker zu wehren versuchen“:[1] Auf deren Armuts-Inszenierung und musikalisches Spektakel reagierten die Clochards mit Leichen-Inszenierung und dem mörderischen Spektakel erst eines vermeintlichen Serienkillers, später einer Anschlags-Serie. Durchsetzt ist die Romanhandlung hierbei von kleineren, kabarettistischen Textabschnitten wie beispielsweise über die feinen Unterschiede in Tat und Auswirkung zwischen Mannequins, Prostituierten, Hostessen oder mörderischen Terroristen, Massenmördern und Serienkillern.[2.96]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Kritiken an dem 2022 in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen[7] Roman Boum waren gespalten mit einer Tendenz zum Negativen. Während er in der Neuen Zürcher Zeitung eine begeisterte Rezension erhielt[8] und der Deutschlandfunk von einem „überschäumenden Paris-Roman“ und einem „Parforceritt“ sprach,[6] entdeckte Der Standard in dem Buch „das Monument der Déformation professionnelle einer Kabarettistin“ und gewann den „Eindruck einer langweiligen Selbstgenügsamkeit allzu erprobter Posen“.[4] Für die Süddeutsche Zeitung war das Buch gar nur ein „effekthascherischer Comic“.[8] Hinsichtlich der Effekte meinte der Deutschlandfunk, Eckhart betreibe „großen Aufwand, ihren Roman nie zur Ruhe kommen zu lassen“,[6] und die Frankfurter Allgemeine Zeitung sekundierte, das Buch wäre „voll greller Genrewechsel und schneller Schnitte. Erzählerische Ruhe stellt sich darüber nicht ein. […] So hat das Buch eine große Oberflächenspannung, von der aus die Autorin immer wieder in die Tiefe stößt, ohne dort so recht anzukommen.“[5]
Zu den Kritikpunkten an dem Roman gehörte die „Omnipräsenz von Sex“, so literaturkritik.de, die „weder für die Erzähllogik erforderlich“ wäre noch „sich als witzig oder als kalkulierter Tabubruch verstehen“ lasse, „stattdessen ist sie einfach nervtötend.“[1] Gleichfalls überwiegend negativ bewertet wurde die Darstellung der Romanfiguren. Während literaturkritik.de noch meinte, einige Figuren seien „schön gezeichnet“,[1] befand Die Zeit die Charaktere für blass,[8] Kulturnews hielt sie für ein „Abziehbild“,[9] nach Ansicht des Österreichischen Rundfunks blieben sie „Papier“[10] und die Frankfurter Allgemeine meinte, „Figuren werden angelegt und gehen verloren, verkümmern zum Slapstick“.[5] Ebenso kritisiert wurde die Handlung: Der Standard war nicht fähig, eine zu entdecken,[4] die Zeit fand sie lediglich erahnbar.[8] Der Österreichische Rundfunk meinte, Boum wolle „vieles sein: Krimi, Satire, Pornografie, Zeitkritik. Ein schlüssiger Plot steht jedenfalls nicht an erster Stelle dieses Romans“,[10] stattdessen, so literaturkritik.de, wäre das Buch „ein literarischer Steinbruch, in dem randomisiert das eine oder andere explodiert. Eine Zusammenführung der verschiedenen Elemente zu einem stringent erzählten Roman bleibt aus, das Resultat ist chaotisch und über weite Strecken enttäuschend.“[1] Der Deutschlandfunk meinte dagegen, Mängel an Handlung zu entdecken offenbare eher was über die Fähigkeiten des Lesers als über das Buch: „Alles in diesem sprachlich überschäumenden, pointenreichen Roman hängt irgendwie zusammen – wenn man nur wüsste, wie.“[6]
Eine Ursache darin, dass es seiner Ansicht nach an Handlung mangele, entdeckte Der Standard in Sprache und Stil der Autorin: Boum schildere eine „Geschichte, die vor lauter Beschreiben oft gar nicht zum Erzählen kommt, weil sie im Ausschmücken stecken bleibt“, doch entlarvten Eckharts „Spielereien selten die Verhältnisse, eher wiederholen sie müde Klischees. Statt Erkenntnis warten Kalauer“.[4] In einem anderen Beitrag bezeichnete Der Standard das Buch dagegen als „ein überdrehtes und immer wieder sehr komisches Gattungshybrid“,[3] und auch andernorts sorgte der laut diesem Standard-Beitrag „satirisch-parodistische Unterton“[3] häufiger für positive Bewertungen: Der Deutschlandfunk lobte die „originell-schräge“ Schreibweise,[6] literaturkritik.de die „Kreativität hinsichtlich des Pointenfeuerwerks, bei dem jedoch eher Knall als Komplexität im Vordergrund steht“, wobei der Roman besonders gelungen wäre „in den Passagen, in denen präzise Beobachtungen mit klugen gedanklichen Transfers zu bösartigen Pointen verbunden werden“.[1] Besonders begeistert zeigte sich die Frankfurter Allgemeine: Eckhart sei „eine sprudelnde, entfesselte Erzählerin“, die „ihren Pointen einen malerischen Klang und ihren Sätzen eine feine Melodie“ verleihe: „Jeder Satz strebt bei Lisa Eckhart zur Pointe, und fast jeder trifft sie. Man kann das nur bewundern.“[5] Der Österreichische Rundfunk dagegen befand die Dichte an Pointen, Aphorismen oder Bonmots für ermüdendes Wortgeklingel: „Lisa Eckhart türmt für ‚Boum‘ ihre ondulierten Sprachbilder so lange aufeinander, bis der Sinn einzustürzen droht.“[10] Resümierend meinte diese Kritik: „Wer Lisa Eckhart verehrt, findet wahrscheinlich einen Zugang zu dieser barock überbordenden Wundertüte eines Romans. Alle anderen haben eine recht mühevolle Lektüre mit begrenztem Erkenntnisgewinn vor sich.“[10]
Textausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Boum. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2022. ISBN 978-3-552-07307-4.
- Boum. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2024. ISBN 978-3-423-22071-2.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Im Zuge des Roman-Finales beim Fête de la Musique am 21. Juni des zweiten Kalenderjahrs der Handlung behauptet der Pariser Bürgermeister, die Sängerin sei „genau vor einem Jahr“ ermordet worden (Eckhart, Boum, S. 360).
- ↑ Der Text bezieht sich einerseits auf die Pressedarstellung der Affäre zwischen François Hollande und Julie Gayet im Frühjahr 2014 (Eckhart, Boum, S. 317–318), andererseits spielt der Roman während der Amtszeit eines sozialistischen Bürgermeisters, wofür – wenn es überhaupt eine nicht-fiktive Vorlage dafür geben kann – einzig der bis 2014 amtierende Bertrand Delanoë in Frage kommt.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Leseprobe bei bic-media.com
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 7 Erik Schilling: Unter der Gürtellinie. In: literaturkritik.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
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Lisa Eckhart: Boum. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2022. ISBN 978-3-552-07307-4.
- ↑ S. 7.
- ↑ S. 8.
- ↑ S. 51.
- ↑ S. 14.
- ↑ S. 140.
- ↑ S. 141.
- 1 2 3 S. 157.
- ↑ S. 154.
- ↑ S. 158.
- 1 2 S. 21.
- 1 2 S. 22.
- ↑ S. 25.
- ↑ S. 26.
- ↑ S. 31.
- ↑ S. 82.
- ↑ S. 83.
- ↑ S. 87.
- ↑ S. 88.
- ↑ S. 95.
- 1 2 S. 96.
- ↑ S. 99.
- ↑ S. 103.
- ↑ S. 111.
- ↑ S. 117.
- ↑ S. 129–130.
- ↑ S. 130.
- ↑ S. 179.
- ↑ S. 183.
- ↑ S. 202.
- ↑ S. 200.
- ↑ S. 206.
- ↑ S. 220.
- ↑ S. 221.
- ↑ S. 222.
- ↑ S. 225.
- ↑ S. 270.
- ↑ S. 291.
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- ↑ S. 342–343.
- ↑ S. 241.
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- ↑ S. 314.
- ↑ S. 315–316.
- 1 2 3 S. 334.
- ↑ S. 333.
- ↑ S. 338.
- ↑ S. 339.
- ↑ S. 353.
- ↑ S. 354.
- ↑ S. 355–356.
- 1 2 S. 360.
- ↑ S. 28.
- ↑ S. 237.
- ↑ S. 216.
- ↑ S. 301.
- ↑ S. 278.
- ↑ S. 27.
- ↑ S. 303.
- ↑ S. 274–275.
- ↑ S. 259.
- ↑ S. 257.
- ↑ S. 219.
- 1 2 S. 39.
- ↑ S. 45.
- ↑ S. 42.
- ↑ S. 57.
- ↑ S. 58.
- ↑ S. 174.
- ↑ S. 171.
- ↑ S. 307.
- ↑ S. 71.
- ↑ S. 115.
- ↑ S. 149–150.
- ↑ S. 207.
- ↑ S. 332.
- ↑ S. 352.
- ↑ S. 64.
- ↑ S. 340.
- ↑ S. 246.
- ↑ S. 166.
- ↑ S. 245.
- ↑ S. 53.
- ↑ S. 139.
- ↑ S. 345.
- ↑ S. 330.
- ↑ S. 229.
- ↑ S. 211.
- 1 2 S. 133.
- ↑ S. 132.
- ↑ S. 122.
- ↑ S. 123.
- ↑ S. 124.
- ↑ S. 196.
- ↑ S. 143–146.
- 1 2 3 Christoph Winder: Lisa Eckhart: „Es ist ein Fehlschluss, das Gute in den Frauen zu verorten“. In: www.derstandard.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- 1 2 3 4 Michael Wurmitzer: Lisa Eckharts „Boum“: Zwischen tausend wohlerprobten Witzen keine Welt. In: www.derstandard.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- 1 2 3 4 Thomas Thiel: Pointenregen über Paris. In: www.faz.net. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 Rainer Moritz: Parforceritt durch Paris. In: www.deutschlandfunkkultur.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- ↑ Booktori: SPIEGEL Bestsellerliste Belletristik Hardcover Nr. 36, August 2022. In: www.booktori.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- 1 2 3 4 Perlentaucher: Lisa Eckhart, Boum. In: www.perlentaucher.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- ↑ Jürgen Wittner: „Boum“ von Lisa Eckhart: Pariser Pulp. In: kulturnews.de. Abgerufen am 4. Mai 2026.
- 1 2 3 4 Martin Pieper: „Boum“: Der neue Roman von Lisa Eckhart bietet Sex statt Skandal. In: fm4.orf.at. Abgerufen am 4. Mai 2026.